Über das Aussehen handgemachter Kleidung

Als ich mit dem Nähen begonnen habe, war es sehr wichtig für mich, dass meine Sachen auf keinen Fall wie selbstgemacht aussehen, sondern sich mit gekaufter Kleidung in Aussehen und Qualität messen lassen können. Das hieß allerdings oft, dass sie sich mit Sachen von H&M, Zara oder C&A messen lassen sollten. Für einen Nähanfänger ist das schon schwierig genug. Man strebt danach, Sachen mit Reißverschlüssen und Knöpfen (vor allem: Knopflöchern) zu nähen. Jeder, der näht, weiß, wie einschüchternd und fast unmöglich es einem erscheint, einen Reißverschluss perfekt einzunähen oder gar Knopflöcher zu nähen, bevor man es das erste Mal genäht hat.

Daher ist es auch nicht schwer zu verstehen, dass zu dieser Zeit das größte Kompliment für mich war, wenn jemand dachte, ich hätte meine selbstgemachten Kleidungsstücke gekauft. Das war für mich ein Zeichen von Qualität. „Gute“ und qualitativ hochwertige Sachen waren gekauft und handgemachter Kleidung sah man schon von weitem ihren handgemachten Stil an.

Doch irgendwann in den letzen Jahren hat sich das grundlegend geändert, wahrscheinlich sind mit meinen immer besser werdenden Nähkenntnissen auch meine Qualitätsansprüche gestiegen und ich messe mich längst nicht mehr mit den Fast Fashion-Ketten. Andererseits habe ich auch keine Befürchtung mehr, jemand könnte vermuten, ich hätte meine Kleidung selbst gemacht: ich hoffe es sogar!

Früher dachte ich wirklich, handgemachte Kleidung ist nicht so gut/ schön/ stylisch wie gekaufte Kleidung. Das ist nun aber auch schon fast 10 Jahre her und damals steckte die Handmade-Szene noch in ihren Anfängen und ebenso die Achtung für die Zeit und Leidenschaft, die in selbstgemachte Kleidungsstücke gehen.

Früher habe ich es um alles in der Welt vermieden, sichtbar mit Zickzackstichen zu nähen, weil das für mich das offensichtlichste Zeichen für handgemachte Kleidung war. Heute verwende ich bei Jerseystoffen fast immer Zickzacksticke anstatt einer Zwillingsnadel für die Säume. Mittlerweile sehen Zickzackstiche für mich sogar besser aus als ein Saum mit einer Zwillingsnaht, was aber auch daran liegt, dass in meiner Welt Zickzack eher schick aussieht und Zwillingsnäht eher sportlich.

Mittlerweile freue ich mich darüber, wenn jemand meine Kleidung als handgemacht erkennt und nicht denkt, meine über Stunden, Tage und Wochen fertiggestellten Kleidungsstücke sind von der (Fast Fashion-) Stange.

 

4 thoughts on “Über das Aussehen handgemachter Kleidung

  1. Ich glaube auch, dass sich in den letzten zehn Jahren der wahrgenomme Wert und das „Ansehen“ selbstgemachter Kleidung stark gewandelt hat. Vor der DIY-Welle war es doch recht exotisch selbst Kleidung zu nähen. Ich war mir ab und an nicht ganz sicher, ob es ein Kompliment war, wenn jemand sagte, das man sähe, dass es selbstgemacht wäre. Aber oft war es wirklich positiv gemeint. Und ehrlich gesagt, empfand ich das Selbernähen manchmal echt als Luxusgut, denn insbesondere das Nähzubehör war relativ teuer – heute gibt es viel mehr Anbieter, die für mehr Nachfrager auch günstiger anbieten. Liebe Grüße!

    1. Ja, das stimmt bzw. ich bin mir heute auch nicht immer sicher, ob das als Kompliment gemeint ist. Ich nehme es einfach als Kompliment. 😉 Aber du hast recht, selbstgemachte Kleidung hat heutzutage einen ganz anderen Stellenwert und das freut mich wirklich jeden Tag aufs Neue. Allerdings frage ich mich auch manchmal, wie die Zukunft der Nähwelt aussehen wird und bin da (noch) etwas ratlos. In jeden Falle spannend diese Entwicklung mitzumachen bzw. sie selbst zu gestalten.
      Liebe Grüße,
      Maria

  2. Witzig, so einen ähnlichen Post habe ich auch grade in der Pipeline 😄.
    Irgendwie scheint „selbstgemacht“ komplett unterschiedlich besetzt zu sein. Einmal dieses „gebastelt-selbstgemacht“ und dann ist da dieses „designed-selbstgemacht“ (wobei komischerweise nur Textilien keinen besonders guten Ruf haben, bei Möbeln oder Lebensmitteln sieht das wieder anders aus- aber woran liegt das?!)
    LG Maria

    1. Ja, ich weiß auch nicht, warum Textilien und Mode so oft noch diesen „selbstgemacht als selbstgebastelt“ Ruf bekommen. Ich bin dafür, dass sich das ändern sollte! 😉
      Irgendwie geht diese vermeintliche Kritik an selbstgemachter Mode für mich immer in die Richtung/Zeit, in der Frauen (oder Männer) sich ihre Kleidung selbstmachen mussten, da es keine zu kaufen gab oder sie zu teuer war. Also eine Mischung aus Rückständigkeit und Armut, die nicht mehr in unsere Zeit oder zu unserer Motivation, Kleidung selbstzumachen passt.
      Oh, ich bin gespannt auf deinen Post und deine Gedanken zu dem Thema!
      Liebe Grüße,
      Maria

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